Das Ende

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1990 - 1991

Die Wende stellte alle DDR-Bürger und auch ihre Wirtschaft in eine völlig andere Welt. Die Werte von einst galten plötzlich nichts mehr. Der Lada oder der Wartburg waren plötzlich nicht mehr die Traumwagen eines jeden. Neue Währung, neue Waren, neue Autos. Autos, die soviel komfortabler waren, größer, schöner. Autos, die im Westen schon abgeschrieben waren, die die Bürger der DDR aber eben erst kennenlernten. Da konnte AWE mit seinem Wartburg nicht mehr mithalten. Ein dramatischer Preisverfall konnte den Niedergang nur manifestieren, zu stoppen war er nicht mehr.

Irmscher-Wartburg 1.3

Irmscher-Wartburg 1.3

Der 1.3 wurde gegen Ende für nur noch 10 000, DM angeboten. Erst einige Jahre später erkannten die Menschen den Wert “ihrer“ Marken und Waren wieder. Für die meisten dieser Produkte und Hersteller kam diese Renaissance viel zu spät. Auch das Engagement einiger westlicher Zulieferer, wie Irmscher, konnte die Entwicklung nicht mehr aufhalten. Das Produkt Wartburg 1.3 war aus westlicher Sicht fast steinzeitlich zu nennen. Keiner der westlichen Autohersteller war an einem neuen Konkurrenten interessiert. Für eine Kooperation mit gleichberechtigten Partnern, war die Zeit in der DDR und später in den neuen Bundesländern viel zu unruhig. Keiner konnte ahnen, welche Richtung die Gesellschaft und ihre Wirtschaft einschlagen würden, welche Staatsform würde entstehen, wie würden die Beziehungen zur Bundesrepublik werden, wie entwickeln sich die ehemaligen “ Bruderländer“ ? Fragen über Fragen und kaum Antworten. Wenn sich die Antworten einstellten, dann war es meistens schon zu spät, hatten sich neue Fragen ergeben. Der Wartburg und seine Produktionsstätte waren nicht wettbewerbsfähig. Im Herzen der Stadt Eisenach waren bisher fast 10 000 Menschen um den Wartburg beschäftigt. Nur recht wenige von diesen 10 000 hatten direkt mit dem Auto zu tun. Rechnet man heute die vielen Kader der SED, der FDJ, der Gewerkschaft, des DFD, der DSF der vielen anderen Massenorganisationen weg, bleiben immer noch Ärzte und Schwestern der Betriebspoliklinik, die Arbeiter, die komplette Taktstraßen und Schweißautomaten bauten, Kindergärtnerinnen etc. übrig.

Handzettel gegen die Politik der Treuhand

Handzettel gegen die Politik der Treuhand

Menschen, die für AWE täglich fleißig arbeiteten, in einem sozialistisch geführten Betrieb unerläßlich waren, ein marktwirtschaftliches Unternehmen aber über alle Maßen belasteten. AWE bildete bis zur Wende in ca. 30 Berufen insgesamt 600 Lehrlinge aus. Das Werk befand sich in sehr beengten Verhältnissen . Es war aufgesplittet in verschiedene Teilwerke in und um Eisenach. daraus ergaben sich zwangsläufig logistische und ablauftechnische Probleme. Hier können nur einige, der wesentlichsten Probleme aufgeführt werden, aber schon daraus sind die fast unüberwindlichen Hürden zu erkennen. Aus eigener Kraft hätte AWE den Sprung in die Marktwirtschaft niemals geschafft.

Aufruf zur Kundgebung

Aufruf zur Kundgebung

Keiner der frischgebackenen Manager wußte, wie die Marktwirtschaft funktioniert ! Hilfe konnte, wenn überhaupt, nur in Zusammenarbeit mit einem starken Partner aus dem Westen kommen. BMW lehnte dankend ab. Die Probleme stellten sich also auch für so ein potentes Unternehmen als zu riskant dar und zu wenig war zu erreichen. Etwas mehr Optimismus ließen die Gespräche mit Volkswagen aufkommen. AWE hoffte auf verstärkte Initiativen des Lizenzpartners in Ostdeutschland. Die Beibehaltung der Pkw-Produktion in Eisenach und in Zwickau und die Fortführung des Motorenwerkes in Karl-Marx-Stadt ließen sich als Silberstreif am Horizont erkennen. Allerdings waren die Würfel sehr schnell gefallen, als VW mit IFA Personenkraftwagen ein Kooperationsunternehmen gründete und es in Sachsen (Mosel) ansiedelte. Der Standort Eisenach war demnach bei den Wolfsburgern vom Tisch. Dritter Gesprächspartner war Opel. Vierter in der Runde Mitsubishi. Das Gerangel um AWE war aber keinesfalls förderlich für eine baldige Standortsicherung. VW bekundete zwar den Willen, sich weiter mit Eisenach zu beschäftigen, konkrete Projekte, wie in Mosel, entstanden nicht. AWE wollte die Situation klären und tat 1990 einen gewagten Schritt : am 9.2.1990 trat das Eisenacher Werk aus dem IFA-Verbund aus!

Demo auf der A4

Demo auf der A4

Das Tauziehen zwischen VW auf der einen Seite und Opel auf der anderen Seite ging indes weiter. AWE saß weiterhin zwischen allen Stühlen. VW´s halbherziges Angebot wurde von der Eisenacher Belegschaft abgelehnt und die Zusammenarbeit mit Opel beschlossen. Am 26.03.1990 wurde die Opel-AWE-Personenwagen GmbH gegründet. Beschäftigen wollte sich das neue Unternehmen mit der Montage des Opel Vectra. Gleichzeitig wurde im AWE-Stammwerk um das Überleben gekämpft. Die Belegschaft schrumpfte dramatisch, die Materialkosten wurden gesenkt. Der Ausstoß fertiger Fahrzeuge mußte verringert werden. Der 16.06.1990 war der Gründungstag der Automobilwerk Eisenach GmbH. Die Zeit wurde knapp. Der Export in die RGW-Länder brach zusammen, im eigenen Land galt der Wartburg als unverkäuflich. Die Treuhand entschied sich für den kurzfristigen, völligen Produktionsstop innerhalb von 10 Tagen. Die Reaktionen im Werk waren drastisch. Die Belegschaft blockierte die nahe Autobahn A4. Aber selbst der Einspruch von Opel, bei der Treuhand, konnte das Aus nicht mehr abwenden. Der Schluß verzögerte sich zwar noch bis in den April, aber am 10.04.1991 lief dann der endgültig letzte Wartburg 1.3 vom Band. Im Film “ Wartburg und Zentaur“ sind Ausschnitte aus den Nachrichtenberichte aus jenen Tagen enthalten. Die Tränen der Mitarbeiter waren echt. Es ging um das eigene Überleben, um die eigene Identität und um die gesamte Region. Im Mai 1991 wurde die Geschäftsleitung entlassen und das Unternehmen “abgewickelt“. Über 90 Jahre lang wurde in Eisenach Automobile hergestellt. Fast immer wurden sie positiv beachtet, fanden die Leistungen der Ingenieure und die Qualität der Produkte ihre Anerkennung. Eine Chance wurde AWE nicht eingeräumt. Zwar produzieren heute BMW und Opel in Eisenach, aber mit der Fahrzeugfabrik Eisenach haben beide nichts mehr zu tun. Der Drittälteste Automobilbauer, nach Daimler und Benz, machte seine Tore unwiederbringlich zu.

Handzettel

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